Havarie der Ilona-M auf der Ems

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des WSA Meppen, herzlichen Dank ins Emsland!!!

Ein Unglück kommt selten allein: In der Nacht zum Samstag, 15.10. 2005, 0.40 Uhr, sinkt auf der Ems 5 Kilometer oberhalb von Papenburg bei Kilometer 219,5 (Nähe Rhede) die Ilona-M, ein Kiesfrachter mit 1.200 Tonnen Ladung. Das Schiff hat die Böschung des rechten Ufers bei Nebel gerammt (ein Ausfall der Radaranlage wird vermutet) und das Heck des 80 Meter langen Frachters wird sofort durch den Tidenstrom auf das andere Ufer gedrückt. Bei ablaufendem Wasser knickt das Schiff dann in der Mitte ein. Die Ems muss komplett gesperrt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die "Flüchtlinge" des Olfener Dammbruches noch nicht durch - sie sitzen damit erneut fest....


Ilona-M um 9.00 bei auflaufendem Wasser - Foto: WSA Meppen

Wenige Stunden später bei Hochwasser ahnt man das ganze Ausmaß - von der Ilona-M ist fast nichts mehr zu sehen


High Noon - die Ilona bei Hochwasser - Foto: WSA Meppen

Unverzüglich werden zwei Schwimmbagger zum Leichtern des Havaristen eingesetzt, am 16.10. sind diese Arbeiten bereits weitgehend abgeschlossen.


Das Löschen der Ladung - Foto: WSA Meppen

Bereits am 17.10. erreichte der Bergekran Ibis der Fa. BTS die Unfallstelle. Wegen der starken Strömung können keine Taucher zur Positionierung der Trossen eingesetzt werden - gemeinsam mit dem Schwimmgreifer Biber können aber die Trossen nicht optimal gelegt werden, da das Vorschiff tief im Schlick eingesunken ist. Man wartet jeweils auf Niedrigwasser, dann stehen 3 Meter Wasser weniger über dem Wrack. Doch die Bergeversuche am 18. und 19. schlagen fehl.


Ibis beim ersten Hebeversuch, Foto: WSA Meppen

Schon am 17.10. wird mit der Triton ein zweiter Kran angefordert - ein erster Bergeversuch mit beiden Kränen am 20.10. gegen 12.00 Uhr führt aber nicht zum Erfolg...


Triton (hinten) und Ibis (vorn) versuchen es gemeinsam, Foto: WSA Meppen

...zwar können die beiden Giganten den Frachter in der Schwebe halten, doch der Versuch, ihn in dieser Position zu lenzen schlägt fehl - das Vorschiff knickt ab und geht erneut auf Grund.


Der Rumpf knickt ab, Foto: WSA Meppen

Nun wird versucht, eine weitere Trosse in Bugnähe anzubringen - um 22.00 Uhr bei Niedrigwasser wird der nächste Versuch gestartet - auch dieser Lift führt nicht zum Erfolg. Es ist auch mit versetzten Trossen nicht möglich, dass Wrack so zu heben, dass es gelenzt werden kann - ein Krimi!


Foto: WSA Meppen

Mittlerweile sind die Warteplätze an den Schleusen mehr als überbelegt. Zuletzt warten etwa 350 Schiffe auf der Ems - für manchen Skipper dürfte die irrwitzige Kombination der beiden Unfälle existenzbedrohend sein. Laut Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt entstehen im Schnitt Kosten von rund 1.500 bis 2.000 Euro pro Tag, wenn ein Schiff außerplanmäßig liegen bleibt, von den Kosten für den Umweg (ich habe Zahlen von 3.000 bis 6.000 Euro gehört) ganz zu schweigen. Versicherungen gibt es dafür nicht und der Bund kann für diese Sperrung auch nicht Regress genommen werden.

Nächster Versuch: Freitag, 21.10. um 10.00 Uhr. Dabei will man zunächst nur das Vorschiff heben und die dortige Kammer lenzen, der so entstehende Auftrieb (150 Tonnen weniger) soll es dann ermöglichen, den anderen Schiffsteil zu heben. Das kann dann bei Niedrigwasser (gegen 13.00 Uhr) erfolgen. um 13.30 will man die Öffentlichkeit informieren, aber es kommt anders: Nichts bewegt sich! Bis in die Nacht versucht man trotz auflaufenden Wassers die Bergung, zuletzt kommt noch nicht einmal mehr das Schiff von der Sohle hoch - aussichtslos! Jetzt hilft nur noch die armdicke Kette, mit Diamanten besetzt - das Wrack muss auseinander geschnitten werden! Schwimmbagger Margri saugt letzte Ladungsreste und eingespülten Schlick aus dem Wrack.


Triton mit Sägekette - jetzt geht es der Ilona-M an den Kragen, Foto: WSA Meppen

Die armdicke Sägekette in Aktion - stundenlange Arbeit, immer beobachtet von zahlreichen Schaulustigen (Besucherrekord an diesem Sonntag in Olfen: 20.000 Menschen!!!) - kurz vor Ende der Sägearbeiten reißt in der Nacht zum Sonntag die Kette, Taucher erledigen den Rest am Sonntag. Beim Heben bricht der Bug dann endgültig ab und kann auf ein Ponton geladen werden.


Foto: WSA Meppen

Dann ist es soweit - das abgetrennt Vorschiff wird gehoben und gelenzt - viele Menschen am Ufer der Ems lassen sich das Schauspiel nicht entgehen.


Foto: WSA Meppen

Und sie bewegt sich doch - tagelange Arbeiten werden endlich vom Erfolg gekrönt, das Vorschiff der Ilona-M kommt immer höher aus dem Wasser.


Foto: WSA Meppen

Eigentlich fast fertig - doch der Teufel steckt im Detail: Die beiden Kräne kriegen das Vorschiff nicht hoch genug, der Grund ist schnell gefunden. Im Doppelboden des Vorschiffs haben sich geschätzte 120 Tonnen Schlick breit gemacht - und da kommt man nicht ran.


Foto: WSA Meppen

Aber die Berger lassen nicht locker - bis an die Belastungsgrenze müssen die Kräne gehen und irgendwann zahlen sich Ausdauer und Beharrlichkeit aus - das Vorschiff kommt aus dem Schlick...


Foto: WSA Meppen

...und steht letzlich in der Nacht (denn auch hier wird rund um die Uhr gearbeitet) endlich auf dem Ponton - geschafft! Den Verantwortlichen fällt mehr als ein Stein vom Herzen. Holger Giest, verantwortlicher Baudirektor des WSA Meppen, schreibt auf meine Frage nach neuen Fotos:

Danke für die Rückmeldung und die Ermunterung....Das Vorschiff des Havaristen ist abtransportiert. Hierzu finden Sie nun auch die Fotos im Netz.
Ich hoffe sehr, dass es die letzte schlechte Phase war und wir bald wieder auf Freie Fahrt schalten können.

Gruß Holger Giest


Foto: WSA Meppen

Und es geht ab Richtung Papenburg und dann kann man sich vor Ort einem im wahrsten Sinne des Wortes schweren Problem zuwenden, denn nun ist das Heck an der Reihe. Das enthält nicht nur ebenfalls einen Doppelboden sondern darüber hinaus auch noch die Maschine. Außerdem sind in dem 42-Meter-Teil noch 22 Meter Laderaum vorhanden, wie der Doppelboden voll mit eingespültem Schlick.


Foto: WSA Meppen

Aus Erfahrung klug geworden entscheidet man sich hier für einen erneuten Einsatz einer Sägekette. Und so wartet auf die Männer an der Ems ein neues Abenteuer: Heck in zwei Teile zerlegen und diese einzeln bergen - das nächste Kapitel beginnt.

Langsam kommt das Heck aus dem Wasser doch es dauert noch Stunden...

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...bis dann am Ende das letzte Stück der Ilona-M gegen 22.00 Uhr aus dem Schlick schwebt und verladen wird. Damit ist das letzte Hindernis aus der Ems entfernt. Noch in der Nacht wird das Peilschiff eingesetzt, der Boden mit einer Schlickegge nach Wrackteilen abgesucht und dann, am Samstag, 29.10.2005, 6.00 Uhr, wird der Kanal wieder frei gegeben. Zwei Wochen schwieriger Arbeit mit vielen Rückschlägen und Herausforderungen haben die Männer an der Unfallstelle gemeistert - der Dortmund-Ems-Kanal bei Rhede ist wieder frei und damit das deutsche Kanalnetz wieder befahrbar - bis auf den kleinen Dammbruch in Olfen, aber auch dort läuft alles nach Plan. Und schließlich kann diese Sperrung umfahren werden.

Und der Verkehr läuft - wie dieses Fernbedien-Bild aus der Schlesue Dörpen zeigt. Das WSA Meppen hat diese Stunde gut vorbereitet. Merkblätter in allen kanalüblichen Sprachen werden verteilt (auch im Netz unter WSA Meppen) und Verkehrsregelungen geändert, um einen schnellen Abbau des Staus zu sichern. So gilt das Überholverbot auch für Sportboote!

Ein letzter Blick auf das Wrack - der tückische Doppelboden ist gut zu erkennen - und als begnadeter Heimwerker muss ich anerkennend fest stellen, dass so eine Sägekette doch zu einen überraschend glatten Schnitt führt....

Zuletzt standen etwa 350 Schiffe auf der Ems laut Pressemitteilung des WSA Meppen im Stau, nicht gerechnet die vielen Wartenden in den Häfen weit um die Unglücksstelle herum. Nach der Freigabe des Kanals arbeiten die Schleusen Herbrum, Bollingerfähr und Dörpen im 24-Stunden-Betrieb. Da der Verkehr auf der Nordstrecke durch die Sperrung bei Olfen um etwa 100% zugenommen hat, rechnet das WSA Meppen bis zum 2. oder 3.11. - dann soll der Stau abgebaut sein.


Hochbetrieb in der Schleuse Herbrum - es läuft wieder rund!

Herzlichen Dank an die Ämter Meppen und Rheine für die vielen Fotos und die zusätzlichen Informationen per Mail und Telefon!

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